Zum Tod von Uwe Lindner

18. Oktober 2015  Konstanz, Region

Uwe-LindnerNäher kennengelernt habe ich Uwe Lindner eigentlich erst nach seiner Zeit an der Uni. Er hatte Anfang der 70-er Jahre die politische Landschaft an der Konstanzer Hochschule unter anderem als AStA-Vorsitzender nachhaltig geprägt und noch ein knappes Jahrzehnt danach – ich war selbst gerade in die Studierendenvertretung gewählt worden –, fühlte man sich an dem gemessen, was er und seine MitstreiterInnen damals auf die Beine gestellt hatten. Der Kampf gegen die Notstandsgesetze und die Abschaffung der Verfassten Studentenschaft, die Bewegung gegen den Vietnam-Krieg und die Berufsverbote – das waren einige der großen Themen jener Jahre auch an der vom Nazi-Verbrecher Filbinger gegründeten neuen Lehr- und Forschungsanstalt. Dass die von der Landesregierung eigentlich als „Klein-Harvard am Bodensee“ konzipierte Universität bundesweit schnell den Ruf einer Brutstätte linker Staatsfeinde weghatte, daran hatte Uwe Lindner und die Seinen einen wesentlichen Anteil. Die Seinen, das waren der Marxistische Studentenbund Spartakus (MSB) und die Deutsche Kommunistische Partei (DKP), eine der Strömungen, die aus der 68-er Bewegung hervorgegangen war und sich am damals noch ziemlich real existierenden Sozialismus orientierte. Ich selbst gehörte einer anderen dieser Fraktionen an, die sich bei Vollversammlungen und Veranstaltungen, ja selbst an Kneipentheken leidenschaftliche verbale (zumeist jedenfalls) Scharmützel lieferten.

Erst nach dem „Deutschen Herbst“, der jene „geistig-moralische Wende“ einleitete, die schließlich in die bleiernen Jahre der Regierung Kohl mündete, dämmerte der heillos zerstrittenen linken Bewegung, dass man über all den leidenschaftlichen Streit untereinander den eigentlichen Gegner aus den Augen verloren hatte. Und als wir dann auch in Konstanz angefangen haben, miteinander und nicht mehr übereinander zu reden, lernte ich auch Uwe näher kennen. Begonnen hatte es mit der Bildung einer gemeinsamen Liste für die Wahl zur Studierendenvertretung, ein damals unerhörter Vorgang. In den vielen politischen und später auch privaten Gesprächen, die darauf folgten, wurde mir schnell klar, warum der Mann was bewegen konnte. Er hatte die Gabe, die Dinge auf den Punkt zu bringen und beherrschte die leisen Töne ebenso wie den leidenschaftlichen Appell. Dabei half ihm nicht zuletzt seine Fähigkeit, messerscharfe Analysen mit einem hintersinnigen Humor vorzubringen, der den Gegner schon mal zur Weißglut treiben konnte.

In einer Zeit, in der viele ehemalige Linke sich auf den Marsch in die Institutionen gemacht hatten, gehörte Uwe zu den Initiatoren der AL, aus der später dann die Linke Liste hervorgegangen ist. In der AL sammelten sich damals in dieser Stadt diejenigen, die trotz aller Rückschläge am Ziel einer gesellschaftlichen Alternative zum herrschenden Profitsystem festhielten. Dass sich mit der LLK heute eine demokratisch-sozialistische Gruppierung in der Stadt fest etabliert hat, gehört mit zu den Verdiensten Uwe Lindners. Mit seinem Tod verlieren wir einen wichtigen Bezugspunkt – und das nicht deshalb, weil sein Stammplatz im Spanier künftig verwaist bleiben wird.

Jürgen Geiger


Ein Kommentar zu „Zum Tod von Uwe Lindner”

  • Wolfgang Witzke sagt:

    Als ich Uwe Lindner kennengelernt habe, gab es zum Glück noch keine Studierendenvertretung. Die Studentenvertretung 40 Jahre später im allgemeinen Genderwahn in Studierendenvertretung umzubenennen, finde ich mehr als peinlich. Traut sich den niemand mehr, gegen diese Sprachverhunzung anzugehen? Wo sind die Sprachwissenschaftler, die den einfältigen Mitläufern mal den Unterschied zwischen Genus und Sexus erklären (kann man übrigens überall nachlesen)?

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