Die griechische Krise, die Migration und das Europa der Konzerne und Banken

14. Juni 2016  International

die griechische tragödieDIE LINKE, die Linke Liste Konstanz und die DKP laden zu einer Veranstaltung ein, die sich mit einem Thema beschäftigen wird, das im vergangenen Jahr auch in Konstanz nicht nur Linke bewegte: Damals bot die neugewählte Syriza-Regierung der EU-Troika die Stirn und wehrte sich gegen die von Merkel und Schäuble diktierte Austeritätspolitik, die ein breite Spur sozialer Verheerungen im Land hinterlassen hatte. Ein vergeblicher Versuch, wie wir wissen, Konzern-Europa zwang das Land in die Knie, auch wegen der Schwäche linker Bewegungen im restlichen Europa. Heute ist Griechenland aus den Schlagzeilen verschwunden und auch linke Politikschwerpunkte haben sich längst auf andere Schauplätze verlagert. Wir haben den Publizisten Winfried Wolf, u. a. Chefredakteur der Zeitschrift „Lunapark 21“ und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von attac, nicht trotzdem sondern gerade deshalb zu einer Veranstaltung zur griechischen Krise eingeladen.

Winfried Wolf stellt in seinem neuen Buch, das er gemeinsam mit dem griechischen Journalisten Nikos Chilas geschrieben hat, die aktuelle griechische Tragödie, die mit der Durchsetzung des EU- und IWF-diktierten Austeritätsprogramms noch lange nicht beendet ist, in einen historischen Kontext. Er spürt den deutsch-griechischen Beziehungen bis ins Jahr 1941 nach, als die Wehrmacht das Land besetzte. Griechischen Forderungen nach Reparationszahlungen und Wiedergutmachung wichen Bonn und Berlin beharrlich aus; und als 2001 eine Athener Gerichtsvollzieherin mit einem höchstgerichtlich bestätigten Urteil vor dem griechischen Goethe-Institut auftauchte und die Einrichtung konfiszieren wollte, intervenierte Deutschland politisch dagegen.

WWolfDeutsche Knute und deutscher Druck ziehen sich als braun-schwarzer Faden durch die griechische Zeitgeschichte. Ohne ihre Kenntnis ist die heutige Situation in Griechenland nicht erklärbar.

In der Geschichte der Europäischen Union gibt es einige wuchtige Marksteine. Römische Verträge, Europäisches Währungssystem, Euro-Einführung, Osterweiterung. Doch die Erfahrung im Jahr 2015, als einem EU-Land die Souveränität abgesprochen wurde, stellt den vielleicht wichtigsten Einschnitt in der 60-jährigen Geschichte der europäischen Einigung dar. Und zwar in dreifacher Hinsicht: Erstens geschichtlich – hinsichtlich der Beziehungen Griechenlands zum restlichen Europa. Zweitens ökonomisch – hinsichtlich der Zuspitzung der Eurokrise und der auf die Spitze getriebenen Austeritätspolitik. Und drittens politisch – hinsichtlich der Bedeutung der griechischen Erfahrung für die europäische Linke. Wobei sich die Krise der EU in den nächsten Tagen nochmals vertiefen könnte: mit dem Referendum in Großbritannien am 23. Juni über einen Brexit und mit den Wahlen in Spanien am 26. Juni.

Solidarität gefragt

Thema der Veranstaltung wird auch ein vom Bodensee aus unterstütztes Solidaritätsprojekt sein. Kifa im Herzen Athens ist eine von über 30 Solidar-Kliniken, die das Bündnis „Solidarity4all“ in ganz Griechenland aufgebaut hat. Ärzte und Apotheker versorgen in diesen Kliniken, oftmals nicht größer als eine Arztpraxis hierzulande, kostenlos bedürftige Menschen – vormals Einheimische, die ihre Krankenversicherung nicht mehr bezahlen konnten, aktuell aber vornehmlich Flüchtlinge, die ohne jede staatliche Unterstützung in Griechenland überleben müssen. Nach einem Vortrag des Syriza-Politikers Giorgos Chondros in Konstanz übernahmen vor drei Jahren Apotheker und Ärzte vom Gesundheitsnetz Hegau (GNH) die Unterstützung der Kifa-Klinik. Seit 2013 wird die Miete (monatlich 500 Euro) von Konstanz aus bezahlt, werden medizinische Geräte und monatlich Medikamente im Wert von durchschnittlich 2000 Euro nach Athen geschickt. – jüg


Veranstaltung mit Winfried Wolf, Dienstag, 21. Juni, 20 Uhr, Kulturzentrum Konstanz (Astoria-Saal), Katzgasse 5-7


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