Todesdrohung gegen Erdogan-Gegner in der Moschee

30. November 2016  Konstanz, Region

Eigentlich wollte Salih Gunes im Supermarkt in der Reichenaustraße 30 in Konstanz an diesem Donnerstag vor zwei Wochen wie schon öfter zuvor nur eine Kleinigkeit einkaufen. Doch dann sah sich der aus der Türkei stammende 60-jährige Rentner im Erdgeschoss der Mevlana-Moschee unvermittelt mit massiven Drohungen von Landsleuten konfrontiert.

Hintergrund des Vorfalls war offensichtlich eine Demonstration gegen die diktatorische Politik des türkischen Staatspräsidenten und seines AKP-Regimes, an der sich am 11. November auf der Marktstätte rund 150 Menschen beteiligt hatten. Gunes, seit einiger Zeit in Kreuzlingen lebender, langjähriger Aktivist für Menschenrechte in seinem Land, engagiert sich im jüngst gegründeten „Verein demokratische ArbeiterInnen und Jugendliche Bodensee e.V.“ (VdAJ), der zu den Organisatoren der Protestaktion gehörte. Der „Südkurier“ hatte im Vorfeld über die Hintergründe der Demo berichtet, in dem Artikel war auf einem Foto, das einige der DemoaufruferInnen zeigt, auch Gunes zu erkennen.

Das Lebensmittelgeschäft an der Reichenaustraße, das Salih Gunes an diesem Donnerstag aufgesucht hatte, befindet sich zusammen mit einem Döner-Imbiss im Erdgeschoss der Konstanzer Mevlana Moschee, ihre Betreiber haben Mietverträge mit der Türkisch-Islamischen Gemeinde DITIB Konstanz. Der Mieter der Imbissbude nun sprach Gunes unvermittelt an und verwickelte ihn, unterstützt von einem Unbekannten, in ein Gespräch über die Demonstration, das in der offenen Drohung gipfelte, „Terroristen“ wie ihn müsse man alle umbringen.

Anruf vom Konsulat?

Im Verlauf des Disputs plauderte der Mann, der – so Gunes‘ Eindruck – über gute Beziehungen zum Vorstand des Moscheevereins zu verfügen scheint, gegenüber dem perplexen Erdogan-Gegner brisante Details aus. Einen Tag nach dem Erscheinen des Südkurier-Berichts, behauptete der Ladenbetreiber, habe das zuständige türkische Konsulat telefonisch Kontakt mit dem Vorstand der Mevlana-Moschee aufgenommen. Die Forderung der Staatsbeamten: Der Moscheeverein solle versuchen, die Anti-Erdogan-Demo zu sabotieren. Tatsächlich waren dort einige wenige AKP-Anhänger aufgetaucht, die nach Aussage von Landsleuten dem Moschee-Umfeld zuzurechnen sind. Zu Störungen kam es dann aber nicht, zu gering war wohl die Zahl der türkischen Nationalisten.

Zurück zur Attacke auf Salih Gunes im Gebäude der Mevlana Moschee. Bei drohenden Worten sollte es dabei vermutlich nicht bleiben. Denn der unbekannte zweite Gesprächsteilnehmer rief nach einigen Minuten des verbalen Schlagabtauschs per Mobiltelefon Unterstützung herbei – aus den Räumlichkeiten der Moschee. Zwei jüngere Männer näherten sich dem Rentner in unverkennbar aggressiver Haltung, so dass Gunes schließlich den Rückzug auf die Straße antreten musste.

Am Gängelband des Regimes?

Der Vorfall wirft kein gutes Licht auf die Konstanzer Moschee-Gemeinde, die sich nach außen hin gern weltoffen und tolerant zeigt. Schon in den letzten Monaten war an den Verantwortlichen in der Reichenauer Straße immer wieder Kritik laut geworden, weil sie zu den offenkundigen Menschenrechtsverletzungen in der Türkei eisern schweigen. Der jüngste Zwischenfall nährt nun erneut Befürchtungen, dass hinter dieser Fassade Kräfte agieren, die fest am Gängelband des türkischen Regimes hängen, und auch vor massiven Einschüchterungsversuchen kritischer Landsleute nicht zurückschrecken.

Verwunderlich wäre das nicht. DITIB, die bundesweit agierende Trägerorganisation, der auch die Konstanzer Einrichtung angehört, steht unter direkter Aufsicht des türkischen Staates, die Imame werden in der Regel von der Religionsbehörde in Ankara in die deutschen Gemeinden entsandt. Deutschlandweit häufen sich inzwischen Berichte, denen zufolge in den vom türkischen Staat finanzierten und gelenkten Gebetshäusern nicht nur der türkisch-islamische Nationalismus à la Erdogan angeheizt wird, sondern auch fundamentalistische Hasspredigten längst keine Ausnahmen mehr sind.

Der Moscheeverein weiß von nichts

Immerhin: Auf eine Anfrage zu diesem Zwischenfall reagierte Peyman Özen, die Vorsitzende des Konstanzer Moscheevereins, prompt. Sie habe heute zum ersten Mal davon gehört, „dass in der Moschee so was passiert sein soll“, beteuerte Özen und sicherte zu, dem nachgehen zu wollen. Allerdings sei der Imbissbetreiber nur ein Mieter, der in keiner weiteren Verbindung zum Vorstand stehe. Auch eine Intervention des türkischen Konsulats im Vorfeld der Demonstration stritt die Vorsitzende entschieden ab.

Salih Gunes jedenfalls will wegen des Vorfalls nach reiflicher Überlegung und Gesprächen mit Freunden nun Anzeige erstatten. Der VdAJ fordert den Vorstand der Mevlana-Moschee auf, umgehend öffentlich Stellung zu nehmen und vor allem dafür zu sorgen, dass sich solche Einschüchertungsversuche nicht wiederholen.

J. Geiger


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