Bodenseeforum: Der Saustall

08. Juni 2017  Konstanz

BFK_2016-11_Bodenseeforum_Au__enansicht_10x15cm_300dpi_Nachweis_Oliver_HanserKommt Ihnen das bekannt vor? Ein Flugzeug wird von einem Kapitän mit verbundenen Augen durch die Nacht gesteuert, über Funk gibt es vollmundige Sprüche über fliegerische Rekorde, alle Sicherungen und Warnsignale sind ausgeschaltet. Und dann kracht es, und die Bruchlandung kostet die Steuer­zahlerInnen Millionen. So war es bei der Philharmonie vor einigen Jahren. So ist es jetzt beim Bodensee­forum, bei dem bis vor ein paar Tagen niemand erkannt haben will, dass es blutrote Zahlen schreibt.

Die gestrige Sondersitzung des Betriebsausschusses Bodenseeforum Konstanz, eines Ausschusses des Gemeinderates, bot wenig Neues: Nachdem der Gemeinderat in seiner letzten Sitzung am 23.05. bereits beschlossen hat, für 2016 schlappe 1,7 Millionen € zuzuschießen, tut sich jetzt ein weiteres Millionenloch auf: Das Bodenseeforum wird 2017 statt des geplanten Defizits von 943 000 € voraussichtlich 2 458 500 € minus machen. Das Defizit liegt also um rund 1,5 Millionen € oder ca. 161 % über dem Planungsansatz – wenn’s man reicht. Eine endgültige Entscheidung über eine Anpassung des Wirtschaftsplans 2017 fällt erst in einer der beiden Gemeinderatssitzungen im Juli, gestern ging es nur um Information und Aussprache.

Das Bofo ist ein Erfolg

Man rieb sich verblüfft die Augen: Etliche Redner priesen auf der Sitzung das Bodenseeforum als glatten Erfolg und Zukunftsgaranten. Allen voran Oberbürgermeister Uli Burchardt und Friedhelm Schaal, seines Zeichens Wirtschaftsförderer und noch bis 30.06. in Personalunion Interimsgeschäftsführer des Bodenseeforums.

Die Pressemitteilung der Stadt Konstanz vom 02.06. zum Millionenverlust beginnt gar so: „Das Bodenseeforum konnte bereits ein halbes Jahr nach seiner Eröffnung Ende Oktober 2016 den 50.000sten Besucher begrüßen. Auch die Veranstaltungszahlen entwickeln sich positiv. Von den im Wirtschaftsplan für 2017 avisierten 157 Veranstaltungen sind bereits 130 gebucht. Viele Veranstalter äußerten sich über das Haus sehr positiv und signalisierten erneute Buchungen. Hervorgehoben werden die besondere Lage am Seerhein, das Ambiente des Hauses und seine technische Qualität. Doch trotz der guten Entwicklung bei den Besucherzahlen, den Buchungen und der Resonanz bleibt das Haus in finanzieller Hinsicht zur Zeit noch hinter den Erwartungen zurück.“

Das ist hübsch gesagt, wenn man bedenkt, dass das Bofo bis Ende 2017 in 14 Betriebsmonaten insgesamt rund 4,2 Mio vernichtet haben soll. Das Bofo verbrennt also laut neuem Plan bis Ende 2017 zehntausend Euro – Tag für Tag! Und niemand hat’s gemerkt. Besser dürften die Zahlen übrigens 2017 kaum mehr werden, denn das Geschäft mit lukrativen Großveranstaltungen ist für dieses Jahr bereits gelaufen, dazu sind die Vorlaufzeiten zu lang.

Hat das niemand gesehen?

Das Debakel des Bofo erinnert an frühere Ereignisse bei der Philharmonie. Dort war urplötzlich ein erhebliches Defizit aufgetaucht, und Geschäftsführer Florian Riem verlor Ende 2012 seinen Posten. Seitdem hat man der Philharmonie eine strikte Berichtspflicht auferlegt. Ein Beispiel gefällig? Dem Orchesterausschuss lagen am 09.03.2016 folgende Unterlagen vor: 1. Monatsbericht Januar 2016; 2. provisorischer Jahresabschluss 2015; 3. Reporting für das gesamte Jahr 2015. In der Sitzung am 16.11.2016 erhielt der Ausschuss von der Philharmonie: 1. Quartalsbericht III/2016; 2. ein Reporting der Monate Januar bis September 2016.

Fazit: Die Philharmonie legt regelmäßig belastbare Zahlen zu ihrem aktuellen Geschäftsgang vor. Belastbar heißt: Die Berichte enthalten Darstellungen der Soll-Ist-Abweichungen, rote Ampellichter, wenn in einem Bereich etwas nicht stimmt, es gibt Auswertungen der Krankheitstage, Überstunden, Aushilfen, Gema-Gebühren, Kosten-/Nutzenrechnungen zu einzelnen Konzertgattungen usw. Das sind vernünftige, ausführliche, übersichtliche, informative Berichte, aus denen Gemeinderätinnen und -räte erkennen können, was dort abläuft und wo der Schuh drückt.

Im Blindflug

Im Bofo hingegen will man erst Ende Mai bemerkt haben, dass 2017 bisher eine wirtschaftliche Katastrophe war. Warum? Friedhelm Schaal machte dafür Software-Probleme geltend: Es ist nach seinen Angaben bis heute nicht gelungen, die dort verwendete SAP-Lösung vernünftig zum Laufen zu bringen. Wenn sie irgendwann laufen wird, soll sie auf Tastendruck hochaktuelle Informationen zu allem auswerfen, was das Bofo anbelangt, von den Heizkosten über den Bierverbrauch bis zum Kammerjäger, aber bis dahin stochert man im Nebel.

Dass es jetzt überhaupt eine – im Vergleich zu den Berichten der Philharmonie kärgliche – Aufstellung gibt, erklärt sich daraus, dass man irgendwann angefangen hat, die Zahlen gegenzurechnen und einzeln zu prüfen. Offenkundig aber hat man aber die ersten sechs Monate nach Eröffnung in dem Wissen vor sich hingewurschtelt, dass man keinen vernünftigen Überblick über die Wirtschaftszahlen hatte, weil man mit der Software nicht klarkam.

Das hat anscheinend niemanden in der Verwaltung alarmiert und niemand empfand dringenden Handlungsbedarf, diese Zahlen auf anderem Wege zu ermitteln. Man berauschte sich daran, dass man (beinahe) genug Veranstaltungen verkaufte, ob man damit Geld verdiente, interessierte scheint’s niemanden.

Ist das der vom OB gerühmte verantwortungsvolle Umgang mit öffentlichen Geldern? Wieso lobte die Verwaltung vollmundig den Erfolg des Hauses, wenn doch offenkundig niemand wusste, wie es überhaupt um das Haus stand? Auch wer Erfolge verkündet, sollte ja wohl Fakten in der Hand haben und unterliegt einer gewissen Beweispflicht.

Was sind die Ursachen?

Das Hauptproblem liegt nicht auf der Kosten-, sondern auf der Erlösseite. Die einzelnen Veranstaltungen bringen im Schnitt deutlich weniger ein als im Wirtschaftsplan vorgesehen. Man hat mittlerweile gemerkt: Das Bodenseeforum lohnt sich nur, wenn man mehrtägige Großveranstaltungen mit Catering verkauft. Die Hochzeit oder die Abifeier sind Zuschussveranstaltungen, Kohle macht man nur mit großen Firmen und Institutionen.

Am 1. Juli beginnt der künftige Geschäftsführer Jochen A. Lohmar seine Arbeit. Auf ihm ruht die ganze Hoffnung auf bessere Geschäfte, er soll die dicken Fische an Land ziehen, die allein das Haus irgendwann in Richtung einer schwarzen Null aufpäppeln sollen. Wann das sein wird, wagt niemand mehr zu prognostizieren.

Mit anderen Worten: Konstanzer und Konstanzerinnen haben im Bofo in Zukunft kaum noch etwas zu suchen. Die BürgerInnen haben die ca. 18 Millionen € Anschaffungskosten für das Kongresshaus bezahlt, sie dürfen noch auf Jahre hinaus die laufenden Millionenverluste tragen – und das war auch schon alles, was sie dort dürfen. Sie sollen wie bisher schon mit ihren Festen in die Mehrzweckhallen oder das Konzil gehen, wie Manfred Hölzl (CDU) in erfrischendem Realismus erklärte.

Am Anfang war es wüst und leer

Das Bofo muss in vollkommenem Chaos gestartet sein, will man Friedhelm Schaal glauben. Es gab keine Vorlaufphase, es gab keine Organisationsstruktur und keine geplanten Prozesse. Wenn man seine Schilderungen hört, fühlt man sich an einen Haufen Halbwüchsiger erinnert, der sein erstes Grümpelturnier organisiert – und nicht an ein von Erwachsenen geführtes Millionenunternehmen. Offensichtlich war hier der politische Druck, das Ding zu eröffnen, derart groß, dass es nicht möglich war, halbwegs überlegt vorzugehen. „Wir haben bei Adam und Eva angefangen und sind immer noch weit weg vom Normalbetrieb,“ resümierte der sichtlich erschöpfte Friedhelm Schaal.

Auch der Umbau selbst machte alle möglichen Nacharbeiten erforderlich und gilt noch heute als nicht fertig. Handwerker verspäteten sich, das Logo an der Hauswand musste in der ersten Zeit allein fünf Mal kostspielig repariert werden, Böden, Klimatechnik, Toiletten, alles ein einziges Durcheinander. Ausgerechnet die IT, die nicht vernünftig funktioniert, wurde viel teurer als geplant, und die Rechtsberatungskosten explodierten. Einem Handwerker gegenüber musste man gar in Vorkasse treten, weil der sonst bankrott gegangen wäre. Zustände also wie im Wilden Westen oder im real existierenden Kapitalismus.

Planwirtschaft einmal anders

Für 2016 waren 897 000 € Zuschuss geplant, am Ende wurde es fast doppelt so viel, nämlich 1,7 Millionen €. Für 2017 waren 943 000 € Zuschuss geplant, am Ende soll es mindestens anderthalb mal so viel werden, nämlich 2 458 500 €. Für 2017 waren Erträge von 2,6 Millionen € geplant, derzeit rechnet man mit knapp der Hälfte. Wer macht solche Pläne?

Eine wichtige Person in der Gründungsphase des Bodenseeforums bis 31.12.2016 war Michel Maugé, einst Berater und Interimsgeschäftsführer. Auf seiner Homepage heißt es: „35 Jahre Erfahrung in der Betreibung von Kongresszentren und 30 Jahre Beratung und Entwicklung von Kongresszentren machen ihn deutschlandweit zum Grandseigneur des Kongresswesens und zum wesentlichen Impulsgeber für die Kongressbranche.“

Der im März/April 2016 unter seiner Federführung erstellte und im Sommer 2016 verabschiedete Wirtschaftsplan mit seinen höchst optimistischen Annahmen ging entweder von falschen Voraussetzungen aus – oder die Konstanzer waren schlichtweg zu dumm, ihn umzusetzen. Aus heutiger Sicht erscheint er jedenfalls als ein Wolkenkuckucksheim. So, als habe hier jemand seinem Auftraggeber genau das in den Plan geschrieben, was dieser unbedingt lesen wollte, um sein Lieblingsprojekt der Öffentlichkeit und dem Gemeinderat verkaufen zu können. Oder wie es ein bürgerlicher Gemeinderat am Rande der Sitzung formulierte: „Der hat seine fetten Honorare kassiert, dafür ein paar Pläne abgeliefert, und jetzt ist er längst wieder über alle Berge.“

O. Pugliese (zuerst erschienen bei seemoz.de; Bild: Oliver Hanser)


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