Solidarität mit den Kolleg*innen bei Karstadt Konstanz

25. Juni 2019  Konstanz

Im Kaufhaus herrschte zeitweise gähnende Leere, nur ein paar AbteilungsleiterInnen hielten die Kassen besetzt – und draußen war die Stimmung prächtig. Zum ersten Mal seit Jahren haben VerkäuferInnen von Karstadt Konstanz am Montag, 24.6., die Arbeit niedergelegt. Denn sie sollen weiterhin per Lohnverzicht für ein Unternehmen zahlen, das durch die Fusion mit Kaufhof noch größer – und reicher – geworden ist.

„Wir streiken hier, sehen Sie das nicht?“ Manche KundInnen wollten sie nicht sehen, die Dutzenden von Streikposten in ihren gelben Streikwesten und mit ihren Trillerpfeifen, und marschierten hinein in das halbleere Kaufhaus in der Konstanzer Innenstadt. Andere hingegen drehten um – und wurden für ihre Solidarität mit einem riesigen Applaus bedacht. Streikposten verteilten Flugblätter, da und dort wehte eine Ver.di-Fahne, vor den Türen hatte die Belegschaft Banner mit der Aufschrift „Wir streiken gegen Tarifflucht und Personalabbau“ ausgerollt, und immer wieder ertönte der – von Fridays for Future geborgte und leicht veränderte – Schlachtruf „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Löhne klaut!

Wochenlang hatten die Beschäftigten darauf gewartet, dass die Gewerkschaft Ver.di zum Streik aufruft – und entsprechend groß war die Beteiligung. Obwohl die allermeisten erst am Morgen bei Arbeitsantritt davon erfuhren, blieb der überwiegende Teil der Belegschaft draußen: Über achtzig Prozent nahm die Arbeit nicht auf; nur die jederzeit kündbaren Verkäuferinnen mit befristeten Stellen gingen – auch auf Anraten des Betriebsrats – hinein. „Wir haben eine super Stimmung hier“, sagte Stefan Mancassola, Betriebsratsvorsitzender des Konstanzer Warenhauses. Auch wenn das Haus nach einiger Zeit mit einer Notbesetzung öffnen konnte, freuten sich die Streikenden über die große Geschlossenheit.

Worum ging es? Seit 2013 haben die Verkäuferinnen, Kassiererinnen und Auffüllkräfte von Karstadt keine Tariferhöhung mehr bekommen. Damals steckte Karstadt in einer tiefen Krise und war aus der Tarifbindung ausgestiegen. Erst seit 2016, nach mühsamen Auseinandersetzungen zwischen Ver.di und dem Management, gibt es einen Haustarifvertrag; dieser sieht aber lediglich jährliche Anpassungen von 1,25 Prozent vor. „Wenn man die Preisentwicklung in den letzten Jahren betrachtet, ist das viel zu wenig“, so Mancassola. Unter dem Strich büßten die Beschäftigten in den vergangenen sechs Jahren rund 15 Prozent ein (siehe dazu auch das seemoz-Interview mit Ulrike Wuhrer).

Ab dem Jahr 2021 sollte für die KarstädterInnen der Flächentarifvertrag im Einzelhandel wieder gelten. Aber nun, zwei Jahre vor Ende der Vertragslaufzeit, will Karstadt einen Spartentarifvertrag abschließen für alle Karstadt- und Kaufhof-Warenhäuser gelten, die künftig unter dem Namen Galeria firmieren. Die beiden Ketten gehören seit September vergangenen Jahres zur Signa Gruppe des österreichischen Milliardärs René Benko. Die Belegschaft befürchtet mit dem Spartentarifvertrag weitere Einschnitte und wehrt sich dagegen. „Verträge sind dazu da, eingehalten zu werden“, mahnt Ulla Stankiewitz, Verkäuferin in der Strumpfabteilung. Und: „Wir haben viele Jahre unseren Teil des Vertrags eingehalten, das erwarten wir jetzt auch vom Unternehmen.“

„Der Spartentarifvertrag muss verhindert werden, denn er entsolidarisiert“, sagt Juris Reksans, Mitglied der Tarifkommission und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. Ganz klar, seine Kolleginnen und Kollegen wollen zurück in den Flächentarifvertrag und endlich das verdienen, was zum Beispiel auch die KollegInnen bei Kaufhof haben. Dort wurde bislang nach dem Tarifvertrag Einzelhandel bezahlt, nun aber droht den Beschäftigten dort das gleiche Schicksal wie den KarstädterInnen: Personalabbau und tarifliche Einbussen. Eine Kaufhof Verkäuferin verdient derzeit für die gleiche Arbeit noch monatlich 330 Euro mehr als eine Karstadt-Verkäuferin. „Das ist viel Geld und wirkt sich auf die Rente aus, das Sparen auf dem Rücken der Beschäftigten muss ein Ende haben“, sagt Reksans. Er befürchtet zwei-Klassen-Belegschaften innerhalb des Konzerns und fordert gleiches Geld für gleiche Arbeit. Und das am Besten auch für alle anderen, die im Einzelhandel arbeiten.

Ver.di-Gewerkschaftssekretär Markus Klemt ist zufrieden mit dem Aktionstag bei Karstadt. „Das ist erst der Beginn, weitere Aktionen werden folgen“, kündigt er an. Er fordert, die Wiedereinführung der Allgemeinverbindlichkeit des Tarifvertrages für den Einzelhandel (siehe Kasten). Dass die Belegschaft in Konstanz nicht so schnell aufgeben wird, zeigte die Streikversammlung am Mittag. Vor die Alternative gestellt, am Nachmittag wieder reinzugehen oder den ganzen Tag zu streiken, votierten die rund siebzig Anwesenden ohne Gegenstimme für eine Fortsetzung des Ausstands bis zum Abend.

Und so waren alle zufrieden. „Wenn wir nicht wollen, läuft hier gar nichts. Das sollte Karstadt eine Warnung sein“, war am Ende der Streikversammlung zu hören. Und: „Das war heute richtig Klasse und hat Spaß gemacht.“ „Endlich haben wir auch mal wieder Zeit gehabt, um miteinander zu quatschen“. Alles in allem also ein guter Tag für die Karstadt-Leute. Weitere Arbeitsniederlegungen sind geplant.

Pit Wuhrer (Text & Fotos; zuerst erschienen bei seemoz.de)

Die Die Allgemeinverbindlicherklärung (AVE) eines Tarifsvertrags nach § 5 Tarif­vertrags­gesetz bewirkt, dass Tarifverträge auch für alle nicht tarifgebundenen Betriebe verbindlich werden. Tarifverträge können durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales allgemeinverbindlich erklärt werden – sofern dies Arbeitgeberorganisation und Gewerkschaft gemeinsam bei der Regierung beantragen und ein solcher Schritt im öffentlichen Interesse ist. Zur Zeit ist die AVE im Pflegebereich im Gespräch, hier soll für die AltenpflegerInnen ein Tarifvertrag ausgehandelt werden, der dann, so der Plan der Regierung, bundesweit für alle in diesem Bereich Tätigen gelten soll.
Bis zum Jahr 2000 waren die Tarifverträge im Einzelhandel allgemeinverbindlich, danach sind einige große Firmen in die OT-Mitgliedschaft im Unternehmerverband (OT = ohne Tarifbindung) gewechselt, was zur Folge hatte, dass die Firmen­seite die Allgemeinverbindlichkeit ablehnte. Im Einzelhandel sind nur noch ein knappes Drittel der Betriebe tarifgebunden. In allen anderen Betrieben entscheidet die Geschäftsleitung, nach welchen Kriterien die Angestellten bezahlt werden. Der Konkurrenzdruck im Einzelhandel ist laut Ver.di enorm, Lohndumping und Tarifflucht nehmen immer weiter zu. Eine Allgemein­ver­bind­lich­erklärung würde dies stoppen und die VerkäuferInnen schützen.


Ein Kommentar zu „Solidarität mit den Kolleg*innen bei Karstadt Konstanz”

  • Merit Stocker sagt:

    Es ist eine Schande, welchem Druck die Mitarbeiter im Einzelhandel heutzutage ausgesetzt sind. Lohnerhöhungen werden durch eine Viertelstunde unbezahlter Mehrarbeit kompensiert und der Abverkauf von Nebenprodukten erzwungen. Dazu wird stündlich der Umsatzstatus überwacht und das Team mit Wettbewerbsmaßnahmen gegen einander unter Druck gesetzt. Das nennt man dann Motivation. Von den Arbeitszeiten ganz zu schweigen. Kein Wunder, dass immer mehr Mitarbeiter dieser psychischen Belastung nicht mehr standhalten.

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