Breite Proteste gegen “Querdenken”-Aufmarsch

05. Oktober 2020  Konstanz

Für die rechtsoffenen Corona-LeugnerInnen war das Wochenende in Konstanz dann doch ein ziemlicher Reinfall. Nicht nur, weil trotz bundesweiten Trommelns gerade Mal schätzungungsweise 10.000 bis 12.000 “Querdenker” aufliefen – noch kurz zuvor hatte ihr lokaler Frontmann von 250.000 Teilnehmer*innen schwadroniert. Wer gekommen war, um gegen Maskenschutz, Merkel-Diktatur oder Gates-Verschwörung zu demonstrieren, sah sich auch an allen Ecken und Enden der Stadt mit Gegenprotest konfrontiert. Zahlreich beteiligten sich Konstanzer*innen an Kundgebungen, Versammlungen und Demos gegen die unsolidarischen und antisozialen Verschwörungsphantasien der Pandemie-Leugner*innen, unter denen sich wie gewohnt auch Rechtsradikale tummelten. Auch wir von der Linken waren mit einer eigenen Kundgebung dabei (Bild), an der unter anderem der ehemalige Sea-Watch-Kapitän Thomas Nüding, Minia Jonneck von der liberalen jüdischen Gemeinde sowie unnsere Kreisrät*innen Antje Behler und Simon Pschorr vor durch die Corona-Leugner*innen befeuertem Antisemitismus und Fremdenhass warnten und für eine soziale Bewältigung der Krise eintraten.

Das Online-Magazin seemoz hat in einem Beitrag Eindrücke vom Wochenende gesammelt, den wir im Folgenden veröffentlichen.

Tausende zogen am Wochenende durch die Konstanzer Innenstadt. Die einen brachten ihre Kritik an den Corona-Maßnahmen vor, andere wiederum demonstrierten gegen die Corona-VerharmloserInnen, meist mit dem Slogan: „Wer mit Nazis paktiert, der hat einfach nichts kapiert“. Eines war auch schon frühzeitig klar: Der angestrebte Weltrekord, nämlich eine Menschenkette um den Bodensee zustande zu bringen, initiiert vom Konstanzer Gerhard Mayr, ist krachend gescheitert und geriet zu einer rekordverdächtigen Blamage ersten Ranges. Zwei persönliche Nachbetrachtungen.

Samstag, 3.10.

Erst gegen Samstag Mittag füllt sich langsam das Geläuf um den Konstanzer Stadtgarten. Viele Corona-Gegner suchen verzweifelt ihre Sammelpunkte, an denen sie sich aufstellen sollen, um die angestrebte Kette zu bilden. Doch meist vergeblich, denn auch die eingesetzten Ordner sind restlos überfordert, da sie überwiegend mit den Örtlichkeiten nicht vertraut sind. Das Ganze erinnert an einen orientierungslosen Hühnerhaufen. Immer wieder ziehen auch Gegendemonstranten vom Konstanzer Hafen ausgehend Richtung Klein Venedig und wieder zurück. Die Stimmung ist geladen und Komplimente werden ausgetauscht: „Verpissst euch, ihr Linksnazis“. Auf Höhe der Hafenhallen grölen drei stämmige Stiernacken: „Wir merken uns eure Fressen, ihr seid bald dran“. Die Gegendemonstranten bleiben überwiegend ruhig und gelassen.

Etwa gegen 14 Uhr hat sich dann doch vom Hörnle her eine längere Kette bis hin zur Schweizer Grenze gebildet. Ein gemischtes Publikum, Deutschlandfahnen und Regenbogenflaggen schwenkend. Alte und Junge, händchenhaltend miteinander verbunden. Althippies bemühen ihre Gitarren, „We shall overcome“ wird vereinzelt geträllert. Mehrere Versuche, mit Corona-Gegnern ins Gespräch zu kommen, scheitern spätestens dann, wenn ich mich als Medienarbeiter oute. „Lügenpresse“ und ähnliche Freundlichkeiten sind da fast durchgängig zu hören. Ziemlich sicher sei ich doch von der Pharmaindustrie geschmiert und nichts anderes als ein „von der Regierung versklavter Untertan“. Schließlich kommt ein junger Mann mit seinem Sohn auf mich zu, „Kreuzdenker“ steht auf seinem Shirt. Ich solle mal wieder die Bibel zur Hand nehmen, denn dort könne ich die Wahrheit erfahren und demnächst würden sich sowieso alle Katastrophenszenarien erfüllen. Halleluja.

Die Hardcore-Szene finde ich im Stadtgarten. Dort haben sich rund 400 Menschen versammelt, meist Schulter an Schulter und ohne Mund-Nasen-Schutz. Krude Verschwörungstheorien der absurdesten Art werden verbreitet, wie man sie seit Monaten auch andernorts immer wieder hört. Die Sonne zeigt ihr freundlichstes Gesicht, es ist nun spätsommerlich warm. Ein finster dreinblickender Zeitgenosse zieht sein Querdenken-Shirt aus und präsentiert seine muskulösen Oberarme, auf die er sich SS-Runen hat eintätowieren lassen. Sein Umfeld stört das nicht. Plakate werden hochgehalten, auf die wirre Parolen gepinselt wurden, die auch bei den rechtsextremen QAnon-Anhängern zum Standardrepertoire gehören.

Unversehens gerate ich in eine Gruppe esoterischer Gesundbeter. Warum ich überhaupt eine Maske trage, werde ich freundlich von einer älteren Dame gefragt. Das solle ich doch lieber bleiben lassen, sie habe das was viel Besseres für mich und überreicht mir ein Fläschchen, angeblich versehen, so steht es auf dem Etikett, mit „Vitamintropfen für Gürteltiere“.

Sonntag, 4.10.

Am späten Vormittag befinden sich rund 2000 Menschen auf Klein Venedig. Moderator Gerhard Mayr kommt langsam in Fahrt: „Wir sind viele und wir werden immer mehr. Leider sind auch die Kirchen nicht hinter uns, aber wir wollen doch nur Frieden, lieben uns alle und dringen von unten nach oben“. Dem Mann scheint offensichtlich sein Restverstand verloren gegangen zu sein, indem er behauptet: „Wir sind Teil eines neuen Zeitalters und hier im Energiezentrum Konstanz machen wir den Anfang“. Applaus stachelt ihn an und er überschlägt sich fast, als er die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an den Virologen Christian Drosten als „schäbig“ und Quarantäne als „Versklavung“ und „Gefängnis“ bezeichnet.

Zum Thema Corona findet sich auf der Bühne eine „Expertenrunde“ aus Deutschland und der Schweiz ein, darunter einige Mediziner. Abenteuerliche Behauptungen werden ins dankbare Publikum geworfen. Eine „Schweigeminute für alle Kinder, die durch das Tragen von Masken gestorben sind“, sei angebracht. Applaus. Die verantwortlichen Politiker müssten umgehend „verhaftet“ und „zur Verantwortung gezogen“ werden. Noch mehr Applaus. Dann längere Hasstiraden in Richtung „der verfickten Medien“, die den „Corona-Betrug“ am Laufen hielten, denn die Pandemie sei schon „seit Mai vorbei“. Öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehanstalten „gehören abgeschafft“, denn „die brauchen wir nicht mehr, wir müssen nun selbst das Heft in die Hand nehmen“. Wieder breite Zustimmung bei den ZuhörerInnen. Soweit die härtesten Aussagen von Menschen, die sich ein wissenschaftliches Mäntelchen übergeworfen haben.

Wie schon Tags zuvor versuche ich Menschen zu finden, mit denen ein halbwegs vernünftiger Diskurs auf Augenhöhe möglich ist. Weitestgehend Fehlanzeige. Wer sich hier als Journalist zu erkennen gibt, wird, von wenigen Ausnahmen abgesehen, sofort aggressiv angegangen, beschimpft und auch bedroht. Nachfragen bezüglich der Kooperation mit ausgewiesenen Nazis, wie nicht nur in Berlin geschehen, stoßen auf erschreckende Antworten. Parteien wie „AfD oder NPD sind ja nicht verboten, also gehören sie zu uns. Wir sind offen für alle, die sich gegen die derzeitige Knechtung unseres Volkes auflehnen“, sagt mir ein Familienvater, der mit Frau und Kind aus Köln angereist ist, und so gar nicht in das optische Klischee eines Rechtsradikalen passen will. Eine völlig aufgebrachte Besucherin kräht mir von der Seite entgegen: “Das hier in Konstanz wird eine der letzten Veranstaltungen in Deutschland sein, auf denen wir noch unsere Meinung sagen dürfen“. Warum das denn, will ich wissen. „Die wirklichen Nazis in Berlin planen doch schon Konzentrationslager für uns“. Fast entschuldigend mischt sich eine andere ein und kritisiert diese Aussage. Ein Sturm der Entrüstung: „Du bist hier wohl falsch“ bricht über sie herein.

Mein vorläufiges Fazit am Sonntag gegen 14 Uhr fällt ziemlich ernüchternd aus. Die allermeisten Corona-LeugnerInnen, die am Wochenende in Konstanz ihren Protest auslebten, sind für Argumente nicht mehr erreichbar. Distanzierung von Rechtsradikalen und Neonazis: Ebenso Fehlanzeige. Und das ist das eigentlich Gefährliche bei dieser brodelnden Gemengelage, denn davon profitieren diejenigen, denen es weder um Frieden noch um Demokratie geht.

Holger Reile

„Ihr könnt nach Hause gehen, Konstanz will euch nicht mehr sehen“

Als am Sonntagnachmittag von ca. 14 Uhr an beim Riesenrad am Eingang zu Klein-Venedig Demonstrierende schließlich die dort auf ihre Abschlussveranstaltung wartenden QuerdenkerInnen direkt mit ihrem Protest konfrontieren, liegt schon ein wahrer Demo-Marathon hinter ihnen. Corona-LeugnerInnen, die von einem dicht gestaffelten Polizeikordon abgeschirmt stehen, schallen mehr als eine Stunde lang Sprechchöre entgegen, die den Anlass des Gegenprotests auf den Punkt bringen: „Wer mit Nazis demonstriert, der hat wirklich nichts kapiert“, oder – in Anspielung auf die angeblich friedliebenden Maskenverweigerer – auch: „Das ist keine Liebe, das ist Egoismus“.

Seit Samstagvormittag haben bis zu diesem Zeitpunkt schon zahlreiche Aktionen stattgefunden, mit denen sich KonstanzerInnen gegen den infektionsträchtigen Massenauflauf von masken- und abstandsverweigernden QuerdenkerInnen in ihrer Stadt wehren. Eine seriöse Angabe, wieviele Menschen der Gegenprotest am Wochenende auf die Straße gebracht hat, ist für den einzelnen Berichterstatter unmöglich, obschon er redlich bemüht war, den Überblick zu bewahren. Weit über 1000 Menschen sind es jedoch sicher gewesen, die sich aktiv gegen die rechtsoffenen Pandemie-VerharmloserInnen wehrten.

Den Auftakt machte jedenfalls am Samstag Vormittag eine vom breiten Bürgerbündnis „Spread Love, not Corona“ organisierte Kundgebung im Stadtgarten. An der trotz wahren Sauwetters von rund 500 TeilnehmerInnen besuchten Veranstaltung im Stadtgarten traten SprecherInnen verschiedener Institutionen (darunter die Universität und auch der Landesbeauftragte gegen Antisemitismus), zivilgesellschaftliche Initiativen (etwa Seebrücke und Fridays for Future) und Parteien (SPD, Linke) auf. Tenor aller Redebeiträge dort ist der eindringliche Appell, die Pandemie, die weltweit schon mehr als eine Million Opfer gekostet hat, solidarisch zu bewältigen. Gewarnt wird vor rechten Verschwörungstheoretikern und Nazis, denen die Corona-SkeptikerInnen ein willkommenes Trittbrett bieten.

Daran anschließend reihte sich den ganzen Tag über eine Manifestation an die andere. So etwa eine Fahrraddemo über die Seestraße (ca. 50 RadlerInnen), eine von der Linkspartei organisierte Kundgebung auf der Marktstätte (“Für Völkerfreundschaft – gegen Antisemitismus”, knapp 100 Teilnehmende) sowie eine von der Konstanzer SPD initiierte Versammlung auf dem Münsterplatz (“Konstanz ist bunt”, etwa 400). Das von Antifa- und anderen linken Gruppen gebildete Aktionsbündnis „Welcome to Paradise“ mobilisierte später rund 150 Leute auf den Bodanplatz. Die Reden hier formulieren auch scharfe Kritik an kapitalistischer Wirtschaft und Regierung. Sie versuche, die Folgen der Krise auf die Schwächsten abzuwälzen, während Konzerne mit enormen Summen gerettet würden.

Hervorhebenswert auch eine Kundgebung der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di auf dem Parkgelände vor dem Krankenhaus, bei der Pflegepersonal Kritik an der Verharmlosung der Seuche ebenso übte wie an den schlechten Arbeitsbedingungen, unter denen Gesundheitsbeschäftigte leiden. Ein Novum dürfte eine Kundgebung der jüdischen Gemeinde gewesen sein, die auf Klein-Venedig Stellung für ein solidarisches Verhalten in der Krise bezog und eindringlich vor antisemitischen Hetzern warnte, denen die Querdenker eine Bühne schaffen. Dort trat übrigens auch OB Uli Burchardt auf, sein Herausforderer Luigi Pantisano sprach bei einer weiteren, von grünen Kreisen organisierten Kundgebung, ebenfalls auf Klein-Venedig.

Auch am Sonntag hielten die Proteste an. Um die 500 Leute folgten ab 12 Uhr dem Aufruf von „Welcome to Paradise“ zu einer Demonstration vom Bodanplatz über Laube, Rheinsteig, Konzilstraße bis zum Bahnhofplatz. Die letzte angemeldete Demonstration, über die es zu berichten gilt, begann mit ebenfalls etwa 500 Teilnehmenden um 15 Uhr im Herosé-Park und endete mit einer kurzen Kundgebung vor dem Konzil.

Zurück zum Geschehen am Riesenrad. Obwohl die Stadt Konstanz Sicherheitsabstand und Maskenpflicht zur Auflage gemacht hat, lassen dort starke Polizeikräfte hunderte von QuerdenkerInnen dichtgedrängt und fast alle ohne Masken gewähren. Nicht so die GegendemonstrantInnen, die – alle mit Masken – lautstark aber friedlich protestieren. TeilnehmerInnen, die sich von der Hafenstraße aus anschließen wollen, werden von Polizeikräften blockiert, die Einsatzleitung droht mit gewaltsamer Räumung. Schließlich kommt Pfefferspray zum Einsatz. Eingekesselt von einem starken Polizeiaufgebot bewegen sich die Demonstrierenden schon wieder zurück Richtung Hafen, als ein Demonstrierender wie aus heiterem Himmel gewaltsam festgenommen wird (siehe Video). Man will vermutlich nicht aus der Übung kommen.

J. Geiger (Fotos: A. Sauer)

 


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