Wer ich bin

Über mich und meine Generation

Kindheit und Jugend im westdeutschen Dorf

Ich bin 1982 geboren und in einem idyllischen Dorf in Rheinland-Pfalz aufgewachsen. Ein unpolitischeres Umfeld ist kaum denkbar, denn hier kommt die westdeutsche Kleinsiedlung mit den 80er und 90er Jahren zusammen. Als ich nicht mal drei Monate alt war, wurde Helmut Kohl Bundeskanzler und blieb es bekanntlich für eine lange Zeit. In meinem siebten Lebensjahr fiel die Mauer und als ich Zehn war, verkündete Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“. Auch wenn sich zu dieser These viel sagen ließe – sie bringt ein Zeitgefühl auf den Punkt: Der Westen hatte gesiegt, der Osten ließ sich bereitwillig anschließen, – von politischen Alternativen war nirgendwo mehr etwas zu sehen. Um es mit den Ärzten zu sagen: „Alle sind happy, alle sind glücklich, alle sind froh. Und überall, wo man hinguckt: Liebe und Frieden und so …“

Eine Jugend im Westdeutschland der neunziger Jahre bedeutet vor allem die kulturelle Hegemonie der Spaßgesellschaft. Man hielt sich für die Generation der Zukunft, der ein endloser Sommer bevorstünde. Dass das von den Beastie Boys einst postulierte Right to Party ironisch gemeint war, hätte damals niemand mehr verstanden. Denn während immer weniger Menschen für ihre Rechte auf die Straße gingen, hielt man die „Loveparade“ für eine politisch Demonstration. Die „unpolitische Jugend von heute“ ist diese Jugend von gestern – wohl eher vorgestern.

Als ich dann in den 2000er Jahren in Jena Neuere Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft studierte, habe ich übrigens gemerkt, dass die 90er-Jahre dort für viele alles andere als spaßig waren. Die gelegentliche Notwendigkeit vor Nazis zu fliehen, und das Meiden bestimmter Bezirke hatte für einige meiner Mitstudierenden zum Alltag gehört. Eine Lebenserfahrung, von der ich in meinem kleinen, idyllischen Dorf nicht hätte weiter weg sein können.

„Und sie bewegt sich doch“ – die 2000er: Studium, und was danach?

In den 2000ern war dieses Problem zumindest in Jena weitgehend überwunden. Mein Studium empfand ich tatsächlich als nahezu paradiesisch. Das war noch vor der Bolognareform, was heißt, es gab wirklich noch einen großen Freiraum für intellektuelle Selbstentfaltung. Also haben wir uns entfaltet …

Gesamtgesellschaftlich indes waren diese Jahre weniger spaßig – es zeigte sich, dass die Geschichte wohl doch noch nicht ganz zu Ende ist. Der Optimismus, mit dem ich selbst das Ende der Kohl-Ära und die Wahl Gerhard Schröders begrüßt hatte, erwies sich als unbegründet. Aber da es der erste Regierungswechsel in meinem Leben war, dachte ich eben, das bedeutet was. Und tatsächlich bedeutete es ja auch was: Hartz IV wurde installiert. Statt in die Fußstapfen der Spaßgeneration der 90er treten zu können, fanden wir uns plötzlich als Generation Praktikum wieder.

Nur die Mittel, dagegen aufzubegehren, hatte man uns irgendwie nicht beigebracht. Denn eigentlich waren unsere Eltern – zumindest in meinem sozialen Herkunftsmilieu – davon ausgegangen, dass sie sich um die wirtschaftliche Zukunft ihrer Kinder keine Sorgen machen müssten, wenn die sich nur eine solide Bildung zulegten. Wer jedoch – wie ich – so leichtsinnig gewesen war, Geisteswissenschaften zu studieren, den erwartete nach dem erfolgreichen Studienabschluss oft erst mal eine Phase Hartz IV. Auch wenn es in meinem Fall zum Glück nur kurz war, weiß ich also aus eigener Erfahrung, was das mit Menschen machen kann: Innerhalb kürzester Zeit kann man das grundlegende Gefühl verlieren, selbst über sein Leben zu bestimmen.

Das war dann auch die Zeit, in der ich in DIE LINKE eingetreten bin. Wobei man natürlich sagen muss, dass dieser Schritt in Thüringen weniger revolutionär anmutete, als er es hier in Baden-Württemberg gewesen wäre. Ein wenig revolutionär war es für mich aber schon: Ich hatte zwar immer mit linken Positionen sympathisiert, auf die Idee, einer Partei beizutreten, wäre ich deshalb aber noch lange nicht gekommen. Vielmehr überwog bis dahin ein gewisses Misstrauen in die institutionalisierte Politik. Denn überall schien die Erfahrung zu dominieren, dass Ideen noch so gut gemeint sein mögen – sobald man sie umsetzt und nicht aufpasst, verkehren sie sich allzu schnell in ihr Gegenteil. Nach dem abgeschlossenen Studium wollte ich aber nicht mehr nur kritische Beobachtende bleiben. Denn – um nochmal die beste Band der Welt zu bemühen – „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist: Es wär‘ nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“

Die Gegenwart: Möglichkeiten und Grenzen linker Politik am Bodensee

Die Bildung, die ich mir zugelegt hatte, war zwar wenig markttauglich, aber doch solide genug, dass ich 2012 beginnen konnte, in Konstanz zu promovieren. Meine Arbeit über Gleichheitsforderungen und die Legitimation von Ungleichheit in der deutschen Spätaufklärung habe ich 2018 verteidigt und freue mich nun, bald auch tatsächlich das Buch in Händen zu halten. Seit fast 10 Jahren wohne ich also in der Region – zunächst in Radolfzell, nun in Konstanz – und bin akademische Mitarbeiterin an der Universität. In der Wissenschaft zu arbeiten – im Grunde dafür bezahlt zu werden, sich mit dem zu beschäftigen, was einen interessiert – ist ein großes Privileg. Der Preis dafür sind jedoch befristete Arbeitsverträge, mal mit längeren, mal mit kürzeren Laufzeiten. Denn ernsthafte Aussicht auf eine Festanstellung gibt es im universitären System erst ab der Professur. Der Elfenbeinturm ist also schon lange nicht mehr so abgehoben, wie er es vielleicht mal gewesen ist.

Mich fasziniert der Gegensatz von großen Ideen und dem ständigen Scheitern, sie zu verwirklichen – sei es wegen „Sachzwängen“, Machtverhältnissen oder auch der eigenen Blindstellen. Wenn das Geschichtsstudium eines lehrt, dann dies: Fortschritt vollzieht sich nur selten in Sprüngen und viel zu oft in winzigen Schritten. Das heißt aber eben nicht, dass Ideen für eine bessere Welt verzichtbar wären, weil sie ja doch nicht zu erreichen sei. Denn wer nicht weiß, wohin er will, kann nicht damit rechnen, sich dem Ziel auch nur anzunähern. Der Rückzug in Resignation oder Zynismus ist sicherlich nicht die Antwort. Stattdessen geht es darum, eine längerfristige Zielperspektive mit kleineren Schritten in die richtige Richtung zu verbinden.

Deswegen ist es für mich zu einer Selbstverständlichkeit geworden, mich da politisch einzubringen, wo ich bin: sei es am Arbeitsplatz oder in der Kommunalpolitik. Es geht darum, dass bei allen Sachzwängen, die es geben mag, Menschen ihr Zusammenleben grundsätzlich selbst gestalten können. Das erfordert, die unterschiedlichen Meinungen und Positionen ins Gespräch miteinander zu bringen, zu schauen, wo Konsens möglich ist, wo Dissens bestehen bleibt. Ich halte es für richtig und wichtig, die Position des Gegenübers verstehen zu wollen. Was aber nicht heißt, selbst keine Position mehr beziehen zu können. Auch die kleinen Schritte müssen in die richtige Richtung führen. Politik mag die Kunst der Kompromissfindung sein. Aber wenn sie in freiwilliger Selbstaufgabe dessen endet, wofür wir einstehen, haben wir irgendetwas falsch gemacht. Es geht in der Demokratie nicht darum, Konzepte zu entwickeln, die Mehrheiten finden. Es geht darum, andere von den Konzepten zu überzeugen, die man für gut und richtig hält. Dafür trete ich an!

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